In den Etagen der Geschäftsführung herrscht oft ein gewisser Optimismus, wenn die Personalabteilung zum Quartalsende die besetzten Stellen meldet. Die Quote stimmt, die Fluktuation bleibt im Rahmen, das Budget wird eingehalten. Doch dieser Blick in den Rückspiegel täuscht über eine fundamentale Gefahr hinweg. Viele Organisationen verwalten lediglich den Status quo, anstatt die Belegschaft auf die Erfordernisse der kommenden Jahre vorzubereiten. Wer heute nur Stellen nachbesetzt, die gestern frei wurden, handelt reaktiv. In einem Marktumfeld, das von schnellen technologischen Sprüngen und einem harten Wettbewerb um Talente geprägt ist, reicht diese Vorgehensweise nicht mehr aus. Hier setzt ein Ansatz an, der weit über das Zählen von Köpfen hinausgeht.

Der Blick über den Tellerrand der aktuellen Belegschaft

Strategic Workforce Management (SWM) ist kein Modewort, das eine herkömmliche Aufgabe der Verwaltung neu verpackt. Vielmehr handelt es sich um eine Disziplin, die die Brücke zwischen der Strategie des Unternehmens und der tatsächlichen Verfügbarkeit von Fähigkeiten schlägt. Während die klassische Planung meist einen Zeithorizont von einem Jahr betrachtet, zielt der strategische Ansatz auf Zeiträume von drei bis fünf, manchmal sogar zehn Jahren ab. Es geht um die Frage: Welche Kompetenzen braucht die Organisation in der Zukunft, um ihre Ziele zu erreichen, und woher kommen diese Menschen?

Dabei zeigen sich deutliche Vorteile von Strategic Workforce Management zu klassischer Personalplanung, da man nicht mehr nur auf Lücken reagiert, sondern diese proaktiv verhindert. Man betrachtet das Personal nicht als Kostenfaktor, der minimiert werden muss, sondern als Kapazität an Talenten, die gezielt gesteuert wird. Diese Form der Steuerung erlaubt es, frühzeitig zu erkennen, ob bestimmte Berufsbilder komplett verschwinden oder ob ein massiver Mangel an Spezialisten droht, der durch einfache Stellenausschreibungen nicht mehr zu beheben ist.

Warum die klassische Planung an ihre Grenzen stößt

Die traditionelle Planung von Personal funktioniert meist nach dem Prinzip der Fortschreibung. Man schaut sich die Budgets der Fachabteilungen an, rechnet die natürliche Fluktuation sowie die anstehenden Renteneintritte hinzu und erhält eine Zahl für die Rekrutierung. Das Problem bei diesem Verfahren ist die Annahme, dass die Arbeit von morgen dieselbe ist wie die von heute. Man plant für eine Welt, die stabil bleibt. Doch wenn neue Technologien ganze Geschäftsbereiche verändern, nützt es wenig, wenn die Anzahl der Mitarbeiter stimmt, aber niemand von ihnen die neuen Systeme bedienen kann.

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der starken Fixierung auf das Budget. Die Finanzabteilung gibt vor, wie viel Geld für Personal zur Verfügung steht. Die Personalabteilung versucht, innerhalb dieses Rahmens die Stellen zu besetzen. Diese isolierte Betrachtung verhindert oft kluge Investitionen in die Weiterbildung oder den Aufbau von neuem Wissen. Man spart kurzfristig Kosten ein, zahlt aber langfristig einen hohen Preis, wenn die Innovationskraft des Unternehmens erlahmt, weil die nötigen Köpfe fehlen. Strategic Workforce Management bricht diese Silos auf. Es verlangt eine enge Abstimmung zwischen der Führungsebene, der Finanzabteilung und dem Bereich Personal, um eine gemeinsame Sicht auf die Zukunft zu entwickeln.

Die Analyse von Angebot und Bedarf in Szenarien

Ein Kernstück dieses modernen Managements ist die Arbeit mit verschiedenen Szenarien. Man fragt sich nicht nur, was passieren wird, sondern was passieren könnte. Was bedeutet es für den Bedarf an Personal, wenn die Automatisierung in der Produktion schneller voranschreitet als gedacht? Wie verändert sich die Struktur der Belegschaft, wenn ein neuer Absatzmarkt im Ausland erschlossen wird? Durch das Durchspielen solcher Varianten erhält man ein klareres Bild von den Risiken.

In diesem Prozess vergleicht man den künftigen Bedarf an Kompetenzen (Demand) mit dem voraussichtlich vorhandenen Angebot (Supply). Zum Angebot zählt man nicht nur die heutigen Mitarbeiter, sondern berechnet auch ein, wer das Unternehmen verlassen wird und welche Talente sich durch gezielte Programme intern weiterentwickeln lassen. Die Differenz zwischen diesen beiden Werten ist der sogenannte Gap. Diesen Gap zu schließen, ist die eigentliche Aufgabe der Strategie. Dabei stehen verschiedene Hebel zur Verfügung: der Aufbau von Wissen durch Training, die Einstellung neuer Kräfte, die Umverteilung von Aufgaben oder auch die Nutzung von externen Partnern und Dienstleistern.

Von Jobtiteln hin zu granularen Kompetenzen

Ein häufiger Fehler in der betrieblichen Praxis ist das Denken in starren Berufsbezeichnungen. Man sucht einen „Projektleiter“ oder einen „Ingenieur“. Doch hinter diesen Titeln verbergen sich hunderte verschiedene Fähigkeiten. Strategic Workforce Management bricht diese Titel auf. Man analysiert die Aufgaben auf einer tieferen Ebene. Welche Fähigkeiten sind kritisch für den Erfolg? Welche Kompetenzen sind selten am Markt zu finden und müssen daher unbedingt im Haus behalten oder selbst entwickelt werden?

Wenn man versteht, welche Fähigkeiten wirklich zählen, kann man viel flexibler agieren. Vielleicht lässt sich eine Lücke im Bereich der Datenanalyse nicht durch einen neuen Experten schließen, sondern durch die Weiterbildung von vorhandenen Mitarbeitern aus dem Controlling, die bereits ein tiefes Verständnis für die Zahlen des Unternehmens haben. Diese Form der internen Mobilität schont Ressourcen und erhöht die Bindung der Belegschaft an das Unternehmen, weil man Perspektiven bietet, die über den aktuellen Arbeitsplatz hinausgehen.

Die Integration in die Prozesse des Managements

Damit Strategic Workforce Management funktioniert, darf es keine theoretische Übung im stillen Kämmerlein der Personalabteilung bleiben. Es muss ein integraler Bestandteil der gesamten Steuerung des Unternehmens sein. Das bedeutet, dass die Verantwortlichen in den Fachbereichen aktiv mitarbeiten müssen. Sie wissen am besten, welche Trends ihre Branche bewegen und welche technischen Anforderungen auf ihre Teams zukommen.

Man muss Daten nutzen, die über das übliche Maß hinausgehen. Es reicht nicht, das Alter der Mitarbeiter zu kennen. Man braucht Informationen über vorhandene Zertifikate, Projektbeurteilungen und die Bereitschaft zur Veränderung. Natürlich spielt der Schutz der Daten hierbei eine wichtige Rolle, doch ohne eine solide Basis an Fakten bleibt jede Planung nur eine bessere Schätzung. Wenn man jedoch die richtigen Informationen kombiniert, entsteht ein mächtiges Werkzeug, das die Entscheidungsfindung auf eine neue Ebene hebt. Man agiert datengestützt statt nach Bauchgefühl.

Der kulturelle Wandel als Voraussetzung

Die Einführung von Strategic Workforce Management ist oft mit einem Umdenken verbunden. Viele Führungskräfte sind es gewohnt, ihr Personal als ihr Eigentum zu betrachten und geben ungern Talente an andere Abteilungen ab. Eine strategische Sichtweise erfordert jedoch, dass man das Personal als eine Ressource für das gesamte Unternehmen begreift. Wenn ein Mitarbeiter in einem anderen Bereich einen höheren Wertschöpfungsbeitrag leisten kann, muss ein Wechsel möglich und erwünscht sein.

Außerdem verlangt dieser Ansatz eine hohe Transparenz. Man muss ehrlich benennen, welche Jobs in Zukunft wegfallen werden. Das erzeugt zunächst Unruhe, bietet aber auch die Chance, den betroffenen Personen rechtzeitig Wege der Umqualifizierung aufzuzeigen. Wer offen kommuniziert, dass sich das Anforderungsprofil wandelt, nimmt die Menschen mit auf die Reise, anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen, wenn es für eine Umschulung bereits zu spät ist.Auch interessant:Was ist Supply Chain Management (SCM)?