Kamen Sie auch schon einmal in einen Raum und fühlten sich augenblicklich ganz klein? Oder auf Anhieb besonders wohl? Architektur umgibt uns ständig und wirkt mit Reizen auf unser Nervensystem, die unbewusst wahrgenommen werden. Die gebaute Umwelt diktiert nicht nur, wo wir laufen oder sitzen, sondern auch, wie wir uns fühlen, wie wir kommunizieren und wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Daher sind Gebäude keine passiven Kulissen, sondern gestalten unser Wohlbefinden aktiv mit. Dies ist besonders wesentlich für uns Menschen in Industrienationen. Denn wir verbringen bis zu 90 Prozent unserer Zeit in geschlossenen Räumen.

Die Psychologie des Raumes: Zwischen Enge und Weite

Die Wirkung eines Raumes beginnt bereits bei seiner Geometrie und den Proportionen. Hohe Decken werden oft mit Freiheit und abstraktem Denken assoziiert, während niedrige Räume eher die Konzentration auf Details fördern, aber auch ein beklemmendes Gefühl auslösen können. Dieses Wissen lässt sich beispielsweise in der Arbeitswelt einsetzen. Denn auch wenn der bürokratische Alltag oft aus dem Sitzen vor dem Computer und dem Beantworten von Emails besteht, wirkt unsere Umgebung auf uns ein. Und unter anderem diese Architektur legt das kreative Fundament für unsere Arbeit. Räume beispielsweise, die Bewegung zulassen und visuelle Fluchten bieten, senken den Cortisolspiegel und fördern die kognitive Flexibilität.

Ein weiterer wichtiger Faktor der Architektur ist die sogenannte Biophilie, also das menschliche Bedürfnis nach einer Verbindung zur Natur. Wenn bei einem Gebäude Tageslicht, natürliche Materialien und organische Formen integriert werden, hat dies stressmindernde Auswirkungen. Monotone, graue Flure und künstliches Licht hingegen lassen den Menschen mit Ermüdung und Reizbarkeit reagieren. Wenn Architektur die Bedürfnisse nach Orientierung, Licht und ästhetischen Anregungen vernachlässigt, entstehen Orte, die krank machen können. Umgekehrt besitzt gute Architektur die Kraft, Heilungsprozesse in Krankenhäusern zu beschleunigen, die Lernleistung in Schulen zu steigern und das soziale Miteinander in Städten zu festigen. Als banales Beispiel kann man zwei Parkbänke nehmen. Stellt man sie nebeneinander, beeinflusst das das Miteinander anders, als wenn sie sich gegenüberstehen.

Zaha Hadids Feuerwache

Ein radikales Beispiel für den Bruch mit bekannten Formen ist die Vitra-Feuerwache von Zaha Hadid in Weil am Rhein. Hier sucht man vergebens nach einem rechten Winkel. Ohne gerade Wände und traditionelle vertikale Achsen zwingt die Architektur den Besucher zu einer völlig neuen Wahrnehmung. Die schrägen Ebenen und spitzen Winkel erzeugen eine Dynamik, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Dies war eine bewusste Entscheidung für ein Gebäude, das für die Feuerwehr konzipiert wurde, wo Schnelligkeit und Wachsamkeit überlebenswichtig sind.

Allerdings ist das Gefühl in diesem Gebäude nicht unbedingt ein angenehmes. Manchem Besucher wird beim Betreten schwindelig, jeder wird aus seiner gewohnten Komfortzone herausgezogen. Hadid nutzt die Architektur als psychologisches Experiment: Wie viel Abweichung von der Norm verträgt das menschliche Gleichgewichtsorgan, bevor aus Anregung Unbehagen wird?

Die Materialität der Sinne und die Macht der Farbe

Neben der Form spielen die Oberfläche und Haptik eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden. Ein rauer Sichtbeton strahlt eine psychologische Kälte aus, Holz hingegen Wärme und Weichheit. Eine starke Wirkung erzielt oft das Zusammenspiel von Licht und Pigment, wobei in der modernen Gestaltung gerne das Konzept Farbe als Material begriffen wird. Die Farbe selbst wird zu einem Element, das Raum schafft und Stimmungen verändern kann. Ein tiefes Blau kann beispielsweise die Akustik subjektiv „leiser“ erscheinen lassen, während ein sattes Gelb die Herzfrequenz leicht erhöht.